Leseprobe aus dem Buch Seestücke 

Nichts auf der Welt scheint die Zweisamkeit in dem Motorboot stören zu können, das sich sanft in der leichten Dünung des Ligurischen Meeres wiegt. Eine späte Abendsonne glitzert auf den Wellen und überzieht den Bootsrumpf und die geröteten Gesichter von Nerina und Leandro mit bunten Kringeln.

Leandro rückt etwas näher zu ihr heran und legt seinen Arm schützend um ihre Schultern.
»Ist dir nicht zu kühl?«
Sie schüttelt leise ihren Kopf, und er beobachtet fasziniert, wie dabei die Salzkristalle des getrockneten Meerwassers auf ihrer Haut im Sonnenlicht funkeln. »Das hat sich seit dem Unfall total geändert!«
»Achja!«, seufzt Leandro. »Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt!«, Er sieht sie aufmunternd an. »Möchtest du vielleicht etwas essen?«
Nerina schaut melancholisch zu ihm hoch, denn sie weiß, dass er nur ihren Abschied hinauszögern möchte. »Du weißt doch, dass ich gut versorgt bin«, weist sie ihn mit sanfter, beinahe mütterlicher Stimme zurück und legt ihren Kopf an seine Schulter.
»Das mit dem Unfall ist nun genau fünf Jahre her!«, stellt Leandro gedankenversunken fest, »und seit fünf Jahren wünsche ich mir, dass er nicht geschehen sein möge.«
»Ich versuche nicht mehr darüber nachzudenken!«, antwortet Nerina mit einem leisen Tadel in ihrer Stimme, »aber es gelingt nicht immer.«
»Wir hätten das gentechnische Experiment mit dem riesigen Zackenbarsch nicht machen dürfen!«, bricht es aus ihm hervor.
»Wäre es uns und unserem Institut gelungen, dann gäbe es weniger Hunger auf der Welt«,widerspricht Nerina sanft, »aber wer konnte denn ahnen, dass dieser Barsch das Aquariumglas einfach so zerbrechen konnte.«
»Ich glaube, der hatte einfach Angst vor deiner Spritze!«
»Jetzt im Nachhinein bin ich mir auch sicher, dass er sie mir gezielt aus der Hand schlagen wollte«, nickt Nerina zustimmend. »Erinnerst du dich, was das anschließend für ein Chaos war? Ich lag vom Schlag halb betäubt am Boden. Dann das herausströmende Wasser, die Glasscherben und der Barsch in panischer Angst auf mir! Erst als mir die Kollegen zur Hilfe kamen, bemerkt ich, dass die entleerte Spritze mit dem Gen-Cocktail anstatt in seinem Schwanz in meinem Oberschenkel steckte.«                                                  
»Hätte man damals nur gewusst, was das für Folgen hat, dann … «, Leandro winkt resigniert ab und schweigt.
Nerina rückt näher zu ihm heran und legt beide Arme um ihn. »Zum Glück hatten wir nicht mit Oktopussen experimentiert. Stell dir mal vor, ich würde dich jetzt mit acht Armen umarmen«, albert sie, um ihn aufzuheitern und haucht ihm einen Kuss auf die Wange.

Leandro erwidert still ihre Zärtlichkeit, um dann doch mit ihr Kopf an Kopf der untergehenden Sonne zuzusehen.  Rotgoldene von den Wellen tausendfach reflektierte Lichtfinger umhüllen die Beiden, ehe sie beinahe übergangslos verlöschen und das Meer in einer bleigrauen Dunkelheit versinken lassen.
Nerina löst behutsam ihre Umarmung, »Ich muss wieder zurück!«, haucht sie, und verabschiedet sich mit einem letzten Kuss.
Leandro nickt und sieht ihr wehmütig zu, wie sie sich rücklings ins Wasser gleiten lässt und mit einem kraftvollen Schwung ihrer Schwanzflosse in der Tiefe verschwindet.


Leseprobe aus dem Jahresheft des Literturcafé Troisdorf:

Die Zeit danach …

Jeder Schauspieler fürchtet diesen Moment, wenn er, eben noch vom Beifall aufgeputscht, nun allein mit dem Bild eines unendlich müden Menschen vis - à - vis im Garderobenspiegel konfrontiert wird. Dieser Moment eben, wo sich eine Lücke zwischen Maske und Gesicht auftut, dann, wenn die Rolle abgespielt ist
Milan zählt schon lange nicht mehr, wie oft er zu Kaffeetasse und Schminktopf in der Garderobe, die den Duft von erkaltendem Schweiß und klebrigem Puder atmet, zurückgekehrt ist. Ausgespuckt vom Applaus eines Publikums, das längst auf dem Weg nachhause ist. 

Er zögert, sich abzuschminken und starrt, ohne wirklich hinzusehen in den Spiegel.Seine Gedanken kreisen um das Stück, in dem er eine Person spielt, die man nicht kennen konnte, die es vielleicht nie gegeben hat.Ihm wird bewusst, dass sie nur durch ihn lebt. Durch seinen Körper, den er ihr verleiht, ihr einen bestimmten Lebensabschnitt gibt, und durch den sie sprechen kann.
Obwohl ihr Aussehen und ihr Verhalten von der Regie vorgeschrieben wurde, ist sie ihm nicht unsympathisch. Im Gegenteil, sie besitzt einige Qualitäten, die er sich schon immer gewünscht hatte.

»War mein Einsatz auf der Bühne nur Schauspiel oder ich es selbst?«, flüstert er, denn Zweifel, wie sie im stillen Rest der eigenen Kräfte erwachen, sind nicht für andere bestimmt.

»Und spielte ich immer noch meine Rolle, wenn kein Publikum da wäre?«

Milan rückt näher an den Spiegel heran.
Obwohl die Maske unter den Scheinwerfern und der Wärme etwas gelitten hat, sieht sie immer noch gut aus.

»Was wäre«, überlegt er, »wenn mir nur noch dieses Gesicht bliebe, wenn ich es nicht mehr abwischen könnte? Würde es mir lediglich gehorchen, oder wäre ich dann diese andere Person? – Und das Publikum, würde es mir dann, wie auf der Bühne, immer noch zujubeln?«

»Natürlich«, beantwortet Milan sich selbstgefällig, denn er weiß genau, welche Wirkung er auf seine Zuschauer ausüben kann.

»Aber reicht denn das bloße Ästhetische, - die Inszenierung, die der Gesellschaft den Spiegel vorhält, wie sie in ihren Ursprung gedacht war?«, sinniert er, während er mit den Fingerspitzen bröckelnde Schminke in einem Augenwinkel wieder andrückt.

Aber anstatt zu haften, krümelt die Kruste ab und gibt ein winziges Stückchen seiner Gesichtshaut frei. Obwohl es nur einige wenige Quadratmillimeter sind, fühlt er sich plötzlich demaskiert, schlimmer noch, bloßgestellt. 

Ernüchtert lehnt sich Milan auf seinem Stuhl zurück.
»Wer bin ich denn?«, fragt er vorwurfsvoll in den Raum, als wäre jemand anders dafür verantwortlich, um sich dann mit einer energischen Geste die Schminke von der rechten Wange zu wischen - und erstarrt.Denn sein Spiegelbild präsentiert ihm exakt die beiden Identitäten, die ihn in seinem Innersten bewegen. 

Es dauert nur eine Sekunde, bis er sich gefasst hat.
»In diesem Niemandsland zwischen Schein und Sein bestimmen Interpretationen meine Existenz!«, offenbart er pathetisch seinem Spiegel, während er mit einem Wattebausch die Maske abreibt. »Aber eben nur solange, bis der Vorhang sich schließt!«

Während Milan noch die letzten Spuren beseitigt, steckt ein Kollege, schon wieder im Alltagsgrau, besorgt den Kopf durch die Garderobentür.
»Alles in Ordnung?«
Denn er weiß sehr wohl, dass Akteure nach ihrem Auftritt gelegentlich um die eigene Identität ringen.

»Alles Theater!«, lächelt ihm Milan entgegen. »Aber ist es nicht viel realistischer als das Leben?«



Gedanken zum Jahreswechsel

Die Zeit hat es noch nie gekümmert, das ein Jahr zu Ende geht,
zieht einfach weiter,  - die Zukunft wird zum Jetzt, - und auch das verweht.

Aber anstatt uns zu gedulden, schmelzen wir Blei, studieren das Horoskop,
steigen zu dem Weisen auf dem Berge und befragen Sterne mit dem Teleskop.

Egal was der Astrologe, der Guru und die Wahrsagerin so treibt,
die Vergangen ist verloren - und die Zukunft uns stets verborgen bleibt.

Denn seit Einstein wissen wir es schon,
diese unsere Zeit ist - eine Illusion.

Die lediglich unserem Geist entspringt,
und uns, wie der Sand in Uhren, unhaltbar durch die Fingern rinnt.

Dennoch: Obwohl niemand Zeit besitzen kann, kann man sich welche nehmen,
und wer Zeit zu gewinnen sucht, wird sie vor allem verlieren.

Drum genieße, - nach bester Lebensart,
unser Dasein in der Gegenwart!
Denn schon nach einem Lidschlag in unserer Zeit,
ist sie ein Teil der Vergangenheit.